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Randbemerkungen zu theoretischen Konzepten innerhalb der Ökologiediskussion

´Natur - Kultur`. Ein diskurstheoretischer Annäherungsversuch.

´Schöngeistige WissenschaftlerInnen` (?) würden den historischen Prozess, zu dem im Rahmen dieser Abhandlung einige spekulative Fragestellungen formuliert werden sollen, vielleicht wie folgt beschreiben:

In gar nicht einmal so ´grauer Vorzeit` begann sich im Abendland das Konstrukt einer binären Opposition zu etablieren, welches auf der Zweiteilung einer ursprünglichen Einheit basierte. Die beiden ´Pole` der derart gespaltenen Welt wurden zum einen mit ´Kultur`, späterhin auch ´Zivilisation`, zum anderen mit ´Natur` etikettiert, und ihrem Verhältnis zueinander schien von Anfang an eine bestimmte Form der Unvereinbarkeit - des gegenseitigen Ausschlusses innezuwohnen. Da die ´Kultur` ihrem Gegenüber ´Minderwertigkeit` unterstellte, kam mit der Zeit die ihr inhärente Tendenz immer deutlicher zum Vorschein, die ´Natur` so weit als möglich unter ihre Kontrolle zu bringen - sie gegebenenfalls auch zu eliminieren. Die Tatsache, dass diesem kolonisatorischen Unternehmen ein ´dialektisches Moment` implizit war, welches mitunter eine Umkehrung dieses Prozesses bedingen konnte und auch die ´Immanenz des Unfalls`, welche jeder dieser Entwicklungen zur Eindämmung und Überwindung der ´natürlichen Ordnung` zu eigen ist, fand und findet kaum Erwähnung. Das restriktive Auftreten der Kultur wurde als Notwendigkeit angesehen, um den ´Zivilisationsprozess` vorantreiben zu können - ein zumeist äußerst positiv bewertetes Unternehmen, von dem man sich nichts weniger als die Emanzipation der Menschheit, ihre Loslösung aus den als beengend empfundenen Fesseln der willkürlichen und alles bestimmenden ´Natur` erhoffte. Vielleicht ließe sich im Anschluss an diese Tradition der Theoriebildung zusammenfassend formulieren, dass das ideengeschichtliche Konstrukt ´Kultur` und dessen konkrete historische Realisation uns in eine fortschreitend prekärer werdende Situation manövriert hat. Vereinfachend ließe sich selbige Situation darüber charakterisieren, dass zum einen das ´Angebot` an Möglichkeiten (und zeitgleich der ´Sachzwang`) zur Verursachung irreversibler Umweltschäden sich ständig erweitert, zum anderen und parallel dazu aber die komplexe gesellschaftliche Realität eine Reaktion auf (selbstverursachte) ökologische Gefährdungen in fortschreitendem Maße erschwert.

Paradigmenwechsel?
Was jedoch gegenwärtig und also gerade zu jenem Zeitpunkt, an dem sich die ´Kultur` aus eigenem Antrieb heraus in eine Situation nicht zu unterschätzender Selbstgefährdung manövriert hat, passiert, scheint - zumindest in diesem Spannungsfeld betrachtet - gänzlich neu. Die spätestens seit der Aufklärung zentrale Figur des ´naturbeherrschenden Kulturmenschen` macht seit ca. Mitte des 20. Jahrhunderts in fortschreitendem Maße einer anderen und in dieser Form neuartigen Figur Platz: dem Natur und sich selbst erfindenden Schöpfermenschen. Von der Biologie zur Biotechnologie, von der Anthropologie zur Anthropotechnologie. Das letzte und bis dato als unanfechtbar gegolten habende Refugium der ´Natur` beginnt einzustürzen. Der ´Zivilisationsprozeß` scheint in ein neues Stadium eingetreten zu sein.

Fragen
Die Fragen, die sich mir im Anschluss an diese, zugegebenermaßen verkürzt dargelegten Ausführungen stellen, sind vielfältiger ´Natur`. Der Einfachkeit halber möchte ich mich auf drei zentrale Ansätze beschränken, und von diesen ausgehend einige der erwähnten Fragestellungen formulieren.

1. Ist oben skizzierter Prozess und insbesondere das Stadium desselben, in dem wir uns gegenwärtig befinden als ein Unternehmen der ´Hybris` im Sinne Werner Ernsts zu interpretieren, auf das - ihm zufolge - ´Demut` die ´einzig mögliche` Reaktionweise darstellt? (Kann uns heute tatsächlich nur mehr geholfen werden?)

2. Oder gilt es heute vielmehr, sich pragmatisch in den längst ins Laufen gekommenen Prozess des biotechnologischen Schöpfungs- und anthropotechnologischen Selbstschaffungsunternehmens einzuklinken, um darin ´mitspielen` zu können? (Etwa - um eine auf diesen Seiten bereits ausgetragene Diskussion erneut aufzugreifen - im Sinne Peter Sloterdijks, welcher beispielsweise genau dafür plädiert, ´das Spiel aktiv aufzugreifen und einen Codex der Anthropotechniken zu formulieren`.)

3. Beziehungsweise wäre es vielleicht sogar möglich, diesem neuen Stadium etwas durchaus Positives abzugewinnen - etwas, das nicht zwangsläufig auf eine Steigerung von Naturbeherrschung und instrumenteller Kontrolle hinauslaufen muss? (Nämlich die ´Denaturalisierung von "Natur"` als Möglichkeit, das duale Natur-Kultur-Verhältnis, das immer schon in einem ideologisch besetzten Konstrukt bestand, zu dekonstruieren und also zu überwinden, um darüber zu einer gänzlich anderen Vorstellung der ´Zusammengehörigkeit` zu gelangen. [Vgl. etwa die Ansätze Donna Haraways oder Kodwo Eshuns])

zum Autor:

Markus Griesser
30.09.78

studiert POWI im Rahmen seines Fächerbündels.
Forschungsschwerpunkt:
Beschäftigt sich mit der (Un-) Möglichkeit dissidenter Modelle von 'Identität` und 'Kollektivität` in (pop-)kulturellen Zusammenhängen.
email: Markus Griesser

 
 
 




























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