Die Hochschulen hinken der Zeit hinterher. Die Studenten sind
ihr schon voraus.
Sie sind clever, ehrgeizig und haben keine Zeit zu verlieren.
Sie wollen einen Job, Geld und so schnell wie möglich eine
eigene Firma gründen. Sie sind jung, hip und wie geboren zum
Unternehmer. So ähnlich sieht das Leitbild der Studenten aus -
jedenfalls wenn man den zahllosen Reportagen über den modernen
Studenten Glauben schenken will.
Viele sind nichts von alldem. Vermutlich sind sie zu schlau, um
schon in ihrer Jugend rund um die Uhr zu arbeiten. Und
wahrscheinlich schon viel zu alt für eine zündende
Geschäftsidee. Vielleicht lesen sie auch nur die falschen
Bücher. Auf jeden Fall gehören sie zu einer gesellschaftlichen
Minderheit.
Dabei ist es nicht lange her, dass die Universitäten noch nicht
dem unmittelbaren Zwang zur Produktivität unterworfen waren. Im
Gegenteil. Hier schien es die Möglichkeit zu geben, zumindest in
der Reflexion den Verhältnissen zu entkommen oder doch
wenigstens deren Funktionsweise zu verstehen.
Damals galt das Leben noch als überschaubar. Die Studienzeit war
eine Phase der verlängerten Adoleszenz, mit deren Hilfe der
bürgerliche way of life noch einmal etwas hinausgeschoben werden
konnte. Denn anschließend folgte der Eintritt ins schnöde
Erwachsenenleben. Mit Stechuhr und Anspruch auf Krankengeld.
Diese Zeiten sind vorbei. Längst sind die Hochschulen keine
Oasen mehr, die von den neoliberalen »Reformen« verschont
geblieben wären. Aber warum soll es an den Universitäten anders
sein als in der restlichen Gesellschaft? Wenn selbst die
Bundeswehr beginnt, ihren Dienst am Vaterland
betriebswirtschaftlich zu organisieren, stellt die Deregulierung
des Bildungssektors nichts Außergewöhnliches mehr dar.
Nur gelegentlich kommt es hier noch zu öffentlich ausgetragenen
Konflikten, wie etwa vor zwei Jahren, als zum letzten Mal
bundesweite Studentenstreiks stattfanden. Doch auch diese
Proteste waren schon bestimmt von der resignierten Einsicht,
dass Widerstand gegen den neoliberalen Umbau der Hochschulen
eigentlich zwecklos sei. Stattdessen beschränkten sich die
Studenten auf die Warnung, eine Reform des Bildungsbereichs nach
reinen Effizienzkriterien wäre gefährlich für den Standort.
Bildung sei eine Ressource, die sich nicht unmittelbar verwerten
lasse. Der Student als variables Kapital verlangt nach Schonung.
Die Angst vor einer zu schnellen Umgestaltung ist unbegründet.
Die bürokratisch organisierten Institutionen sind immer noch
geprägt von dem verbeamteten Apparat aus den Zeiten des
Fordismus. Nur die Schulen hinken der gesellschaftlichen
Entwickung noch weiter hinterher. Dort sind - wie vor dreißig
Jahren - der Frontalunterricht und standardisierte Abläufe immer
noch die Regel.
Während sich die (Hoch-) Schulen also nur mühsam der
neoliberalen Leitkultur anpassen, sind ihre »Kunden« schon
schneller. Sie sind bereits im Grundstudium in prekären Jobs
beschäftigt und wissen, dass bei einem zu langen Studium die
Zwangsberatung droht. Oder gleich die Exmatrikulation. Wer
studiert, muss sein Leben effizient organisieren.
Aber nicht nur das studentische Dasein wird ökonomisiert.
Gleichzeitig wird die Welt der (Lohn-) Arbeit studentischer. Wer
glaubte, nach der Uni würde alles anders, sieht sich schwer
getäuscht. Hier geht es oft weiter wie zuvor - mit wechselnden
Honorar-Aufträgen und der Pflicht zum lebenslangen Lernen. Und
selbst die Beziehungskrisen bleiben irgendwie dieselben.
Da helfen oft nur die so genannten Schlüsselqualifikationen
weiter. Selbständig, autonom und tatkräftig das eigene Chaos zu
organisieren, ist die akademische Möchtegern-Elite schon längst
gewöhnt. Sie weiß bereits, dass es keine festen Arbeitszeiten
mehr gibt und auch der Sonntag, wenn es sein muss, ein
Arbeitstag wie jeder andere ist; dass die Selbstdisziplinierung
wie selbstverständlich zu jeder Hausarbeit gehört und das eigene
Interesse der beste Ansporn zu einer guten Leistung ist. Manche
sind damit sogar erfolgreich.
Die Entgrenzung der Arbeit, die nach und nach jeden
Lebensbereich umfasst, beginnt spätestens mit dem Studium. Der
fließende Übergang von Job und Freizeit, von Freundeskreis und
Arbeitskollegen, von persönlichen Leidenschaften und beruflichen
Interessen wird hier schon eingeübt. Der Start-Up-Unternehmer,
der mit seinen Studienfreunden eine Firma gründet, in einer
Wohngemeinschaft lebt und rund um die Uhr begeistert am
gemeinsamen Projekt arbeitet, ist zwar vermutlich vor allem ein
gern benutztes Medienklischee. Es kommt aber der Realität in
einem wesentlichen Punkt sehr nahe. Dass niemand so viel aus mir
herausholen kann wie ich selbst, bestätigt sich vermutlich nicht
nur mit jeder Prüfungsvorbereitung, sondern auch mit den ersten
Praktika bei einer Zeitung, einer Partei oder einer Online-
Firma.
Denn kein noch so begabter Vorgesetzter kann die tieferen
Schichten menschlicher Fähigkeit freilegen: Kreativität und
Phantasie, Enthusiasmus und Leistungswillen, Teamfähigkeit und
die Bereitschaft, sich stets weiterzubilden. Der Unterschied zu
früher besteht vor allem darin, dass die Anpassung an stets neue
Anforderungen nicht mehr von äußeren Autoritäten verlangt wird.
Die vollständige Selbstunterwerfung unter den ökonomischen Zweck
funktioniert ganz von alleine und schließt die systematische
Organisation des gesamten Lebenszusammenhangs mit ein. Jeder ist
sein eigener Unternehmer.
Dass dies wenig mit menschlicher Selbstverwirklichung zu tun
hat, dafür umso mehr mit der Ausbeutung von Arbeitskraft, ist
kein Thema mehr. »Die Verbetrieblichung des Lebens, dieses
Arbeiten ohne Ende, wird nicht mehr als pathologisch
wahrgenommen, sondern zur erstrebenswerten Norm erhoben«,
zitiert der Spiegel den Sozialwissenschaftler Andreas Boes von
der TU Dortmund.
An diesen pathologischen Normalzustand scheinen sich auch die
Studenten gewöhnt zu haben. Das Leben noch vor sich, und doch
schon mit allem abgeschlossen. In ihrem Pamphlet Ȇber das Elend
im Studentenmilieu« schrieben einige Mitglieder der
Situationistischen Internationale, kurz vor der so genannten
68er-Bewegung, über die Stellung des Hochschülers: »Es ist eine
provisorische Rolle, die ihn auf die endgültige vorbereitet, die
er als positives und bewahrendes Element im Warensystem erfüllen
wird.« Heute fallen Vorbereitung und Praxis der
Selbstvermarktung in eins. Die Hochschulen sind der Ort dieser
Inszenierung. Wer aber will schon sein Leben lang nur eine Ware
sein?
Von Anton Landgraf
http://www.jungle-world.com/_2000/47/15a.htm