Die Universität als ein Betrieb, der das Denken lehrt!?! Reflexion über die Lehre und die Institution Uni von
Silvia Pitscheider: Wie und ob sich ihre Erwartungen zu Beginn des Studiums nach einigen Studienjahren erfüllt
haben und warum die Uni ein Herrschaftsbetrieb ist.
Ich möchte in diesem Artikel von der Frage ausgehen: Was bedeutet für mich die Universität und was möchte ich,
dass mich eine Universität lehrt? Ganz spontan fällt mir dazu ein: ich möchte das Denken lernen, ich möchte mich
bilden und ich möchte verstehen lernen, ich möchte Bescheid wissen, über das, was in der Welt geschieht, ich möchte
Wichtiges von Unwichtigem, Wissenswertes von Wissbarem unterscheiden können. Nun; mit diesem Anspruch bin ich auf die
Universität gegangen. Ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde, ich war voller Erwartungen, gefüllt mit Angst,
aber auch sehr neugierig. Es sind nun schon einige Jahre vergangen, seit ich angefangen habe zu studieren, und vielleicht
habe ich in diesen Jahren recht wenig darüber reflektiert, ob sich meine Erwartungen nun erfüllt haben oder nicht; hier
möchte ich die Gelegenheit wahrnehmen, eine Reflexion über die Universität und die Lehre zu wagen.
Ich möchte bei der Institution der Universität beginnen, also mit der Struktur von dem Ganzen, in dem wir uns befinden.
Die Universität ist für mich ein "Herrschaftsbetrieb", der nach dem klassischen männlichen Muster organisiert ist.
Das bedeutet, sie gewährleistet Schutz und Sicherheit. Sie schafft sich eine eigene Welt und baut mittels eines bekannten
und verbindlichen Normensystems das Zu- und Miteinander der Institutionsmitglieder auf. Fremdheit und Zufall werden
ausgeschlossen, da sie den Schutz und die Sicherheit gefährden würden. Jede Entwicklung und jeder Fortschritt wird geregelt
und kontrolliert.
Damit Institutionen wie Universitäten überleben können, muss auch das Konflikt- und Aggressionsverhalten geregelt werden.
Aggressionen sind in einer Institution nicht zulässig und deshalb wird ein Mechanismus gebildet, welcher Aggressionen nicht
erwachen läßt. Institutionen sind somit Organisationsformen, in denen Aggressionshemmungen sozial eingebaut werden, z.B. ein
Regelsystem geschaffen wird, welches auf indirekte Kommunikation aufbaut. Wenn nicht jeder jeden sieht und nicht jeder mit
jeden reden kann, wird ein bestimmtes Konfliktpotential bereits vorweg ausgeschaltet. Ein zentraler Aspekt dieses Normengefüges
ist die Trennung in Einzelwissenschaften. Diese Trennung ist die totale Zerstörung der direkten Kommunikation und diese ist
wiederum fundamental für den einzelwissenschaftlichen Fortschritt. So wird versucht die Komplexität und Mannigfaltigkeit der
Institutionen im höchst möglichen Maße zu rationalisieren, damit willkürliche und beliebige Funktionen aus den Institutionen
weggeräumt werden.
Auch das Verhältnis der Geschlechter zueinander wird direkt und indirekt geregelt. Die Institutionen lassen den Widerspruch,
dass es zwei unterschiedliche Arten der Gattung gibt, nicht zu und nehmen die Konsequenzen nicht in Kauf. Objektivität ist
eine Grundvoraussetzung in den Institutionen. Dem Denken und dem Leibe muss jegliche Subjektivität entzogen werden. Männer und
Frauen müssen, um "gleichberechtigt" zu sein, "gleichgesetzt" werden. Die "Gleichsetzung" erfolgt jedoch an einem männlichem
Maßstab und das Feminine findet keinen Raum.
Das sind die Rahmenbedingungen, in denen die Lehre vollzogen wird und innerhalb dieser Rahmenbedingungen wird ein bestimmter
Anspruch gestellt. Immer mehr heißt dieser Anspruch "Ausbilden", den einzelnen "brauchbar" für den Markt zu machen. Das hat mit
"Bildung" und Vermittlung von "Wissen" nichts mehr zu tun. Doch ich glaube, dass einige Lehrende, in der Idee der Universität,
die Bildung des ganzen Menschen sehen, also die Universität als inspirierender Ort, deren Sinn, die Tätigkeit des Denkens ist,
wo Diskussionen und Dialoge noch Raum finden. Es soll experimentiert werden und es soll gelehrt werden. Ich bin sicher oft
enttäuscht worden, fühlte mich gehemmt und eingeengt, von diesem starren System, und ich fühlte das Absterben meiner Lust am
Lernen. Aber eben nicht nur. Für mich ist die Universität immer noch ein Ort, wo eine bestimmte Freiheit herrschen kann. Wo
ich wählen kann, was ich lernen möchte und wo mir das auch geboten wird. Ich studiere jetzt schon einige Jahre, und in diesen
Jahren war bzw. ist mein Denken in Bewegung geraten, habe ich Diskussionen geführt, die mich geprägt haben, sind Freundschaften
entstanden, die ich nicht missen möchte. Ich habe für mich neue Wege gefunden und auch erfahren, dass die Universität auch
Möglichkeiten bietet, dass hier auch gehandelt und vermittelt wird. Ich habe meine Verstrickung im "Entweder-Oder-Denken"
erkannt, und auch Auswege gefunden. Ein Ausweg ist die Schrift, das Wort. Denn das Wort ist Handlung und es gibt auch ein
Wort, welches eine Alternative zu jener Schrift ist, die mit Herrschaft besetzt ist. Diese ist eine Schrift, die sich auf
den Dialog bezieht, die nicht setzt, die Emotionen zuläßt und damit umgeht. In diesen Texten ist zunächst das Fühlen-Wollen
und nicht das Sagen-Wollen wichtig. Sie haben Bewegung und sind nicht ein schnurgerader Weg.