"Made in Taiwan" findet sich auf Nike- oder adidas-Sportschuhen, YSL- oder Arrow-Hemden. Der Inselstaat war früher
als Land der Markenpiraten berüchtigt, heute ist er es als ein Land des raschen Wirtschaftswachstums. Im Westen entstand
schließlich der Ausdruck des "Taiwan-Wunders".
Die Republik China auf Taiwan ist ein zuverlässiger OEM-Zulieferer. Das bedeutet, dass die Hersteller auf der Insel
auf Lizenz für berühmte ausländische Markennamen (wie zum Beispiel Adidas, Nike, IBM, Intel, Pierre Cardin usw.) produzieren.
Asienkrise überwunden
Kein Land hat die Asienkrise so gut überwunden wie Taiwan, weil die Taiwanesen die strukturellen
Veränderungen erkannten und rechtzeitig von arbeitsintensiver zu technologie- und kapitalintensiver
Industrie umstellten. Die globalen wirtschaftlichen Tendenzen führten 1981 zur Gründung des Wissenschaftlichen
Industrieparks Hsinchu, der viele hochqualifizierte Auslandschinesen dazu veranlasste, nach Taiwan zurückzukehren
und ihr technologisches Fachwissen in die Elektronik- und Informationsindustrie einzubringen. Sie trugen entscheidend
zur Veränderung der industriellen Strukturen bei und beherrschen heute 50 Prozent der Chip- und Waferproduktion
(Halbleiterrohling zur Herstellung von Microchip) am Weltmarkt.
Außerdem werden in Taiwan 50 Prozent aller weltweit hergestellten Laptops produziert. In der Mountain-Bike-Produktion
sind sie mit 80 Prozent Marktführer. Man setzt auf die hohe Anpassungsfähigkeit und Flexibilität der Klein- und
Mittelbetriebe (98 Prozent).
Wichtigster Markt aus Asien
Gleichzeitig haben viele einheimische Unternehmer erkannt, dass es profitabler ist, aufgrund der gestiegenen
Herstellungskosten unter eigenen Markennamen für den Export zu produzieren. Zu den erfolgreichen Marken zählen
Acer und DTK im Computerbereich, Schuhe von Travel Fox, Farräder von Giant und Tennisschläger von Pro Kennex.
Wohlgemerkt ist Taiwan der wichtigste Markt für Österreich in Asien mit einem Exportvolumen von vier Milliarden Schilling.
Österreich wiederum importiert aus dem Inselstaat hauptsächlich PC, PC-Teile, diverse Elektronikkomponenten,
Fahrräder und Sportschuhe.
Verheerende Naturkatastrophen rückten Taiwan in jüngster Zeit in die Schlagzeilen. Erst vor wenigen Wochen raste ein
Taifun mit 300 Stundenkilometern über das Land hinweg. Und im September 1999 wurde Taiwan vom schlimmsten Erdbeben seiner
Geschichte heimgesucht. Die Katastrophe forderte 2000 Todesopfer, über 100.000 Menschen wurden obdachlos.
Die Insel ist mit zwei Drittel bewaldetem Bergland bedeckt und hat eine Vielzahl von Naturschönheiten zu bieten.
Angefangen von tropischen Stränden, die ein Paradies zum Tauchen und Schnorcheln sind. Smaragdgrüne Wälder mit
abgelegenen Wasserfällen rivalisieren mit zerklüfteten Schluchten voller dampfender Thermalquellen und den Hochgebirgen
mit ihren schneebedeckten Gipfeln.
Vorwiegend Festlandchinesen
Die Bevölkerung besteht hauptsächlich aus Festland-Chinesen, alleine 1949/50 wanderten als Folge des chinesischen
Bürgerkrieges zwei Millionen auf die Insel. Die im Hochgebirge lebende Urbevölkerung umfasst heute noch annähernd
325.000 Menschen malaio-polynesischer Abstammung. Die Insel zählt mit ihren rund 22 Millionen zu den dichtest
bevölkerten Regionen der Welt, ist allerdings nur etwas größer als die Hälfte Österreichs.
Trotz Wirtschaftsmetropole hält Taiwan immer noch an alten chinesischen Traditionen fest. So feiern die Inselbewohner
viele chinesische Feste, die auf dem Glauben beruhen, Götter und Geister zu beschwichtigen und Unglück vorzubeugen.
Gleichzeitig sind sie eine Gelegenheit für Familientreffen. Szenen mit Bauern, die mit ihren Wasserbüffel die Reisfelder
umpflügen, Ochsenkarren auf den Autostraßen und alte Menschen, die sich in Tempeln ausruhen, begegnet man auf dem Lande
auf Schritt und Tritt.
Politik - Das Verhältnis zu China
Seit 20. Mai dieses Jahres ist der 49-jährige frühere Menschenrechtsanwalt, Abgeordnete und Bürgermeister von Taipei,
Chen Shiu-Bian im Präsidentenamt. Er gehört der Progressiven Demokratischen Partei (DPP) an, die von der seit 50 Jahren
regierenden Kuomintang-Partei (KMT) abgelöst wurde. Chen Shiu-Bian machte die Unabhängigkeit Taiwans zum Wahlkampfthema,
seit er jedoch im Amt ist, äußert er sich eher gemäßigt dazu.
Ein Punkt im Programm der neuen Regierung ist, den Direktverkehr mit China, der seit dem Bürgerkrieg in den 40er Jahren
unterbrochen wurde (formell aber nie beendet), wieder aufzunehmen. Doch Peking verlangt den Verzicht der Eigenstaatlichkeit
Taiwans - das "Ein-China-Prinzip". Doch dies ist für Taiwan wiederum nicht akzeptabel.
Daran haben auch die gigantischen Außenhandels-, Investitions- und Besucherzahlen von Taiwanesen in China bisher nichts
geändert. Jeder Container, in beiden Richtungen, wird im Hafen eines Drittlandes umgeladen. Auch muss jeder der 2,6 Millionen
Taiwanesen, die China jährlich besuchen, zuerst in ein Drittland fliegen und braucht damit mehr als einen halben Tag und
mindestens zwei internationale Flüge. Ironischerweise hat sich nach der Rückkehr Hong Kongs und Macaos unter der Herrschaft
der Volksrepublik China am Verkehr praktisch nichts geändert. Beide Seiten tun so, als ob es sich nach wie vor um Drittländer
handle, über die der gesamte Flug- und Schiffsverkehr umgeschlagen wird.
Ohne Zweifel können die Taiwanesen ihre chinesischen Wurzeln nicht leugnen, da sie auch Mandarin sprechen und ihre
Alltagssprache, Taiwanesisch, mit Mandarin verwandt ist. Nirgendwo ist ein Stück chinesischer Gesellschaft heute so
durchmodernisiert, demokratisiert und globalisiert wie auf Taiwan.