Als ich vor einigen Wochen nach mehr als einjähriger Absenz aus dem Ausland zurückkehrte, viel meine Ankunft unmittelbar
mit einem medialen "Hochereignis" zusammen, das die "österreichischen" Gemüter umzutreiben schien. Meine Verwunderung war
groß. Nicht nur, dass ich mehr als zwölf Monate nicht fern gesehen hatte; mit der ersten Sendung, die mein Gesichtsfeld
penetrierte, kam ich scheinbar vom Regen in die Traufe.
Soviel ich zunächst vom Inhalt verstand, korrespondierte dieser unmittelbar mit dem vorgestellten Titel - alles drehte sich
um ein Taxi und somit darum, Menschen per Automobil gegen zu leistendes Entgelt von A nach B zu bringen. Die Rede ist von
"taxi orange".
Was nun diesen Taxi-Transport so außergewöhnlich machte, war die sogenannte "Echtzeit" und damit seine Unmittelbarkeit.
Das Leben der Personen drehte sich rund um das Ticken des Taxameters, wobei es nicht nur öffentlich, sondern auch veröffentlicht
war. Der Fernsehbildschirm verlieh einem scheinbar alltäglichen Ereignis die Aura gesteigerten Lebens, und die Zuschauer wurden
zu Voyeuren eines Paradoxon, das sich in einer kurzen Formel darstellen läßt:
Das, was mir entgegenflimmert, ist Wirklichkeit, eben weil mir vorher versichert wurde, dass es Wirklichkeit sei. Jeder
Psychiater reibt sich angesichts dieses Sachverhaltes die Hände und sagt: "Ein wunderbares Beispiel einer Wahnvorstellung
resultierend aus pathologischer "Nachträglichkeit"." Kurz: PARANOIA!
Das Medium (d.i. das Fernsehgerät) ist dabei längst mehr als die sogenannte "Message". Es ist die Wirklichkeit. Der
Begriff "Medienrealität" wird völlig widersinnig, denn er benennt etwas, was es gar nicht geben kann - die Vermittlung
des Unmittelbaren. Bisher war es so, dass etwas entweder unmittelbar oder vermittelt war. Seit "Alex" (es sei erwähnt;
ein unmögliches Exemplar eines Schauspielers) ist jedoch alles anders.
Nebenbei bemerkt: Für "taxi orange" gilt das Gleiche wie für das deutsche Pendant "big brother". Der Alltag wird Kult.
"Hier ist es so geil", sagte einer der Jugendlichen, die das Containergelände der Sendung belagerten. Mit dieser Aussage
wird der gesendete Sachverhalt zum sogenannten Kult, wobei die Kulturwerdung des Alltags in Bausch und Bogen mitgeliefert
wird. Auf Englisch versteht sich und dies weltweit, deshalb sagt man dazu auch "reality".
Ich schließe daraus auf einen weiteren Satz: Der Kult der modernen Jugendkultur ist konzentriert als bloße, pure "reality"
der Geilheit. Nun, dagegen wird wohl niemand etwas einzuwenden haben? Spinnen wir diesen Gedanken weiter, so lautet eine
zweite Folgerung: "Reality" ist nur im Medium möglich. Ein Besuch im Container oder selbst eine Fahrt im Taxi wäre eine
surreale Erfahrung und deshalb nicht (mehr) wirklich.
Bisher war dem nicht so. Jeder von uns wird dies bestätigen. Doch halten Sie sich bei der nächsten Fahrt im Taxi vor Augen:
Alles nur Fiktion und der Fahrpreis ist eh' nur Film. Ob der "Taxler" mit dieser Sicht der Dinge einverstanden sein wird,
bleibt abzuwarten.
Die Authentizität stand mithin nur dann in Frage, sobald sich zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung ein Medium schiebt,
angefangen beim Medium der Sprache. Ich erinnere an die Diskussion um die erfundenen Auschwitz Memoiren von Benjamin
Wilkomirski alias Doeseker. War die Dichtung einmal entlarvt, hatte der Text auch seine Wahrheit eingebüßt. Niemand akzeptierte
seinen Sprachgebrauch. Der Autor selbst verteidigte sich, indem er vorschlug, die Fiktion seines Textes als Kunst zu verstehen.
Man einigte sich stattdessen auf Lüge und Fälschung.
Der Verdacht, dass auch der Alltag der "Taxi-Sendung" und der Ablauf des "Container-Lebens" manipuliert sei, ist seit einiger
Zeit als Gerücht im Umlauf und bestätigte sich spätestens seit den Enthüllungen zu diesem Thema der "FAZ". Hätte sich während
der Spielzeit etwa herausgestellt, dass die Reality-Soaps einem Drehbuch folgen, dass die Beteiligten in Wahrheit "schlechte"
Schauspieler sind und der Ablauf der Show minutiös vorprogrammiert ist, dann hätte niemand mehr die Sendung sehen wollen, auch
wenn genau das Gleiche zu sehen gewesen wäre.
Kürzlich kam wie gesagt "Licht ins Dunkel". Die "FAZ" veröffentlichte nämlich das streng geheime Regelhandbuch von "big brother",
das alle Mitwirkenden unterschreiben mußten. Dieses Handbuch zeigt sich als totalitäre Fibel des täglichen Lebens. Im Container
waren keinerlei "Medien" erlaubt, auch kein Computer. Nur ein einziges Buch oder eine einzige Zeitschrift durften die Bewohner
in ihre bezahlte Haft mitnehmen, wobei Papier, Bleistift, Uhren und Wecker überhaupt verboten waren. ""Big brother" behält sich
vor, weitere Gegenstände abzulehnen," hieß es. "Big brother" behielt sich auch vor, kleine individuelle Belohnungen vorzunehmen,
und stellte die abendlichen Diskussionsthemen. Die hier angedeutete "Lebensphilosophie" erinnert an eine Sekte, deren Ideale eine
grundlegende Angst vor der Außenwelt repräsentieren. Diese Angst heißt Paranoia (siehe oben). Ich rate Ihnen nur eines:
"Sollten Fallschirmspringer in Ihren Garten gelangen, gehen Sie ins Haus, verschließen Sie die Tür zum Garten, und befolgen
Sie die Anweisungen von Big Brother." (George Orwell).