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Ökologie - eine moderne Wissenschaft

Tagungen, Seminare, Kongresse, endlose Diskussionen - alles dreht sich um Ökologie. Wissenschaftliche Abhandlungen über Natur, über die Beziehung der Lebewesen und ihre Umwelt scheinen ja inflationär zu sein. Der richtige Umgang mit der Natur, mit ihren Ressourcen, wird von uns immer mehr eingefordert, auch ich wurde animiert diesbezüglich ein Wissen zu produzieren.

Es ist höchste Zeit um "vernünftig" mit der Natur umzugehen. Langsam versteht der moderne, zivilisierte Bürger, dass es unvernünftig ist Tierkadaver an Pflanzenfresser zu verfüttern. Förmlich werden wir gezwungen auf ein anderes Gleis der Logik zu wechseln, auf ein anderes Pferd zu setzen, um so den linearen Ritt von Entwicklung, Fortschritt und Effizienz, nach anderen, nun viel vernünftigeren, ökologisch vertretbaren Rahmenbedingungen, fortzusetzen. Doch das liebe Pferd hat einen Pferdefuß - es ist alles viel zu vernünftig, die Natur verliert gänzlich ihre Stimme. Können wir die Natur, als einen uns abgetrennten Ort, Raum völliger Andersheit, noch spüren, hören, fühlen? Sind wir nicht längst so im Mittelpunkt des modernen Naturgeschehens, sodass jedes Sprechen über sie zu einer logisch, formalen Abhandlung einer Rechenkästchenmanie wird.

Von klein auf werden die Kids von heute, wie z.B. im NEMO (einem Technik und Wissenschaftsmuseum in Amsterdam) dahingehend pädagogisiert, sich selbst als "das größte Wunder" zu sehen. An den Computerbildschirmen kann man von Kindesbeinen an lernen, wie sich die Natur verfügbar, kontrollierbar, berechenbar und verstehbar (nach demokratischen Spielregeln versteht sich) machen läßt.1

Die Natur scheint ihren Ort verloren zu haben, wir verfügen gänzlich über die Kriterien, wie, nach welchen Regeln mit ihr gesprochen werden darf (wie die Vereinnahmung der Wilden durch die Zivilisierten). Stumm wird sie mal zu einem Instrument, dann wieder zu einem schönen Erholungsraum (den man gut verkaufen kann). Kurz: die Farbe mit der wir der Natur unseren Stempel aufdrücken wechselt, doch die Grundlogik der Annäherung, der Berührung zu ihr, bleibt im Hoheitsgebiet des modernen wissenschaftlichen Sprachspiels. Moderne Naturschützer glauben zu wissen, was einen Eingriff, einen Verlust für die Natur darstellt. Doch hat der Verlust uns nicht schon "gebildet", einen Raum besetzt der uns anästhetisiert, unempfänglich macht für subtile Verluste? "Das Wichtigste daran ist vielleicht die Tatsache, dass die Europäer bei alledem kein Gefühl des Verlustes empfinden. Ihre Philosophen haben ja die Realität entgeistigt (nun für jede Verbindung tauglich; Anm. H. G.), so dass (für sie) keine Befriedigung daraus zu gewinnen ist, einfach das Wunder eines Berges oder Sees oder eines seienden Volkes zu beobachten. Nein, Befriedigung wird am Materialgewinn gemessen. So wird der Berg zum Kies, der See zu Kühlwasser für eine Fabrik, und die Menschen werden zusammengetrieben und durch die Indoktrinationsmühlen gelassen, die man gerne Schulen zu nennen pflegt."2

In dieser "Entgeistigung" wurde die Natur zur Ware, zum passiven Verhandlungsgegenstand, über welchen man nach wohlüberlegten, vernünftigen und demokratischen Regeln, frei verfügen kann. "Was auch immer als in der Natur Gefundenes und Gegebenes präsentiert wird, läßt sich als von Interessenten selbst Gemachtes oder Gedeutetes entlarven; jede Unterscheidung fällt auf den Unterscheider zurück. Es gibt von jetzt an wirklich eine Tatsachen mehr, es gibt nur noch Interpretationen. (...) Es gibt nur noch konstruierende Parteien in dem Parlament der Fiktionen, das wir die Öffentlichkeit nennen."3

Manch ein neues "Projekt" in der Natur erzeugt heftigen Widerstand bei der aufgeklärten Bevölkerung, wie z.B. die "Golden Line", eine Gondelbahn vom Waltherpark auf die Hungerburg (Lebensraum Innsbruck). Doch vielleicht werden die meisten Widersacher einsichtig, nach einer "lückenlosen Aufklärung aller offenen Fragen und vor allem auf einer möglichst breiten Information der Bevölkerung. (...) Die "Golden Line" ist ein zukunftsorientiertes Gesamtkonzept ... ."4

Wir sind es ja eh schon sehr gewohnt für die Zukunft (früher war's halt der Himmel) so einige Opfer zu bringen. Pro und Contra, ein Wechselspiel des modernen Diskurses. Ist die Bereitschaft zur Verhandlung gegeben, so ergeben sich unendliche Möglichkeiten der vernünftigen Programmlösungen für die Zukunft. PolitikerInnen legitimieren ihre Entscheidungen und Verantwortung gern auf ihr demokratisches Mandat, doch dieser "Deckmantel" völliger Verantwortungslosigkeit5 ermöglicht und ermutigt zum referenzlosen, entwicklungsgläubigen Phantasma. All die technologischen Prothesen, die uns zu "überrüsteten Nicht-Behinderten" machen, erzeugen immer schneller einen Verlust, der unsere "natürliche" (haben wir die noch?) Wahrnehmungsfähigkeit behindert. Der Verlust bzw. Mangel wird permanent mit der Prothese mitproduziert, denn wenn die Wahrnehmung versagt, muss das Denken mit all seinen Konstruktionsmöglichkeiten beschleunigt werden, um den Mangel auszugleichen.

Geschwindigkeit - ein großes Thema der Moderne. Zeit wird immer mehr zur Echtzeit "und genau das tun die Technologien der Echtzeit: Sie töten die Gegenwart, indem sie sie von ihrem Hier und Jetzt isolieren zugunsten eines kommunikativen Anderswo, das nichts mehr mit unserer konkreten Gegenwart in der Welt, sondern nur noch etwas mit einer vollkommen rätselhaften diskreten Telepräsenz zu tun hat."6

Wer hat heute noch Zeit bzw. Gegenwart zum langsamen Spazieren von der Altstadt in Innsbruck zur jetzigen Talstation der Hungerburgbahn? Leben wir nicht in einer "Echtzeit" mit dem fortwährenden Wunschdisziplinarmechanismus einer aufgeschobenen Zukunft, welche uns den Verlust nicht mehr spüren läßt, sondern uns immer mehr normiert, diszipliniert für diese "gute Sache".

Für politische Strategien macht es keinen Unterschied, ob ihre Netzwerke der Macht für Ökologie, Ökonomie, oder für die Menschlichkeit sprechen; Die Dynamik der modernen rechnerischen Klugheit folgt unbeirrt ihren Prinzipien, welche gerade die Natur als Ort der Andersheit verunmöglichen. Und oft empfinden wir auch keinen Verlust mehr, unser modernes Gespür hat seine Regeln, eine Ordnung der Dinge die vieles protestlos hinnimmt.

Der Raum der Natur, nicht unser "Denkkonstrukt" zu ihr, ist wieder aufzuspüren in einer langsamen, behutsamen und hellhörigen Annäherung. Statt einem Warendenken (Äquivalenz- Denken) wäre mehr ein symbolisches Begreifen (Gabe - Gegengabe) der Natur, wie es bei Naturvölkern war bzw. noch ist.7 Die Natur können wir nicht nur nehmen, vergewaltigen, versteigen (denke an UMTS - Lizenzen), oder aber auch ökologisch vertretbar machen durch ökologietechnische Studien, denn all dies nimmt ihr jegliche Eigenheit und ist eine Beraubung ihrer Geistigkeit!

P.S. Zu guter Letzt: In meinen Ausführungen beschränkte ich mich auf den Begriff der Moderne, weil die Postmoderne keinen "radikalen" Bruch zur Moderne darstellt.

Anmerkungen:

1 vgl. Geo Nr. 10, 2000 S. 92,94
2 Rusell Means (Oglala-Lakota), Streitworte über die Zukunft der Erde.S.22
3 Peter Sloterdijk, die Verachtung der Massen, S. 76,77
4 Innsbruck Informiert Nr. 12, 2000 S. 13
5 Peter Sloterdijk zeigt im Buch die Verachtung der Massen auf, dass verantwortungsvolle Politik in der modernen Demokratie unmöglich ist, weil sie gerade auf den Prinzipien der verallgemeinerten Verantwortung aufgebaut ist, die keine singulären Referenzen oder Bezüglichkeiten, zumindest als ihr Organisationsprinzip zulassen kann.
6 Paul Virilio, Fluchtgeschwindigkeit, S. 21 siehe auch S. 22 zu den Prothesen
7 Wie (ob es überhaupt möglich ist) der moderne Mensch wieder zum symbolischen Tausch gelangen kann, will ich in meiner Diplomarbeit ausarbeiten bzw. mein sinnlich Erfahrenes für die moderne Wissenschaft legitimieren.

zum Autor:

Hubert Gumpitsch
Geb.: 29. 10. 68

studiert EZW/FB, Diplomarbeit zum Thema (in Arbeit):
Ethik/Ästhetik und dem Verlust in der Moderne
email: Hubert Gumpitsch

 
 
 




























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